Gespenstische Sicherheitsdebatte um deutsche AKWs

Japan. Ein Land erlebt seine Apokalypse. Die Bilder und Berichte, die uns seit Freitag von der anderen Seite der Welt erreichen, strapazieren die Möglichkeiten der deutschen Sprache, dies angemessen auszudrücken. Die unmittelbaren Auswirkungen von Erdbeben und Tsunami werden dabei von der surreal wirkenden Szenerie rund um die japanischen AKWs überlagert und noch übertroffen. Man gewinnt den Eindruck, was schief gehen kann, geht auch schief.

Hierzulande hat die Katastrophe indes für ein vehementes Aufflammen der Atomdebatte und einen scheinbaren Richtungswechsel der Bundesregierung in Fragen der Atompolitik gesorgt. Die Aussagen mancher Regierungspolitiker, die noch am vergangenen Wochenende über den Äther gingen, sind dabei in einer Geschwindigkeit von der Wirklichkeit eingeholt und von der 180-Grad-Wende der Kanzlerin überholt worden, die atemlos macht. Was war da nicht noch am Samstag mitunter für ein Unfug zu vernehmen. Bundesumweltminister Röttgen verstieg sich zu der Aussage, eine Atomdebatte zum jetzigen Zeitpunkt sei deplatziert. Da möchte man fragen, wann und wo, wenn nicht gerade jetzt und hier, wäre dem Herrn die Debatte denn genehm? Den Vogel abgeschossen hat Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs, der zu Protokoll gab, “es sei nicht berechtigt, aus den Ereignissen in Japan Rückschlüsse auf die Nutzung der Kernenergie in Deutschland zu ziehen”. Kommentar überflüssig.

Abgelöst wurden die reflexartigen “Nicht auf Deutschland übertragbar”-Versicherungen und üblichen Verharmlosungen der Atomlobby nun von einem hektischen Aktionismus der Bundesregierung, der kurzfristig zu einem noch vor Tagen undenkbaren Abschalten erster Anlagen in Deutschland geführt hat. Erstes “Opfer” ist das AKW Neckarwestheim 1. Grundsätzlich ist das fraglos zu begrüßen, wobei man sich dennoch wieder einmal nur wundern kann, dass es noch gestern hieß, während des dreimonatigen Moratoriums solle die Sicherheit deutscher Atomanlagen sorgfältig und “ergebnisoffen” geprüft werden, und diese Aussage schon heute wieder konterkariert ist. Und das per Abschaltung ausgerechnet desjenigen AKWs, das in dem Bundesland steht, in dem nächste Woche gewählt wird. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Derweil empfinde ich den behaupteten Zweck des Moratoriums, nämlich die Überprüfung der Sicherheit der deutschen AKWs, als ein geradezu verrücktes Ansinnen, das jeden Japaner verspottet, der gerade mit dem Geigerzähler vor der Nase einem Entseuchungsteam gegenüber steht und seine Heimat vielleicht für immer verlassen muss. Was soll denn bitteschön als Ergebnis einer seriösen Überprüfung deutscher Atomanlagen anderes stehen, als dass sie selbstverständlich nicht sicher sind, ja, gar nicht sicher sein können? Wir erleben derzeit die Machtlosigkeit und Hilflosigkeit der geballten japanischen Ingenieurskunst. Und das in einer Weise, die erschreckend ist. Seit den Erdstößen vom Freitag hat es nicht einen Augenblick gegeben, in dem die Atomanlage Fukushima noch wirklich unter Kontrolle gewesen ist. Was dort abläuft, ist nur noch Physik und Chemie, und der Mensch mit all seinem Wissen steht hilflos daneben. Und nun frage ich: Was um alles in der Welt soll denn die deutsche Ingenieurskunst in einer Weise über die japanische erheben, die uns die Arroganz erlaubt, zu glauben, wir hätten diese Dinge unter Kontrolle? Die Japaner sind keine Wilden, die gestern noch auf Bäumen von Ast zu Ast gehangelt sind, ihre Ingenieure keine Dilettanten, die sich für gewöhnlich nur mit verstopften Toiletten auseinandersetzen. Japan ist eine der fortschrittlichsten Volkswirtschaften der Welt! Aus welchem Grunde sollte ausgerechnet dem deutschen Ingenieur der göttliche Funke an Genialität innewohnen, den der Schöpfer dem japanischen Kollegen vorenthalten hat? Wer außer ein paar Unverbesserlichen will ernsthaft die Überlegenheit deutscher Atom-Ingenieurskunst beschwören, angesicht solcher Debakel wie im Zwischenlager Asse, wo bei der Errichtung des Lagers in den 60ern und der Einlagerung radioaktiver Abfälle in den 70ern eine kindliche Unbekümmertheit im Umgang mit Radioaktivität an den Tag gelegt wurde, als würde man dort Fässer mit Götterspeise abkippen, und die jetzt eine milliardenschwere Sanierung des Lagers erfordert. Und mir möge bitte niemand mit dem Argument kommen, seit damals habe die Sicherheitstechnik bedeutende Fortschritte gemacht. Wie zuverlässig und perfekt die Sicherheitstechnik arbeitet, kann ich gerade live im Fernsehen verfolgen. Und bitte möge auch niemand mehr darauf herumreiten, wie unwahrscheinlich ein Erdbeben oder ein Tsunami in Deutschland als Auslöser einer solchen Katastrophe in Frage komme. Dem sei entgegengehalten, es gibt Dutzende Szenarien, die den verhängnisvollen Impuls liefern können. Auch in Japan war das Erdbeben lediglich der in diesem Fall wörtlich zu nehmende Anschubser, der den ersten Dominostein umgeworfen hat. Die dadurch in Gang gesetzten Abläufe, nämlich Stromausfälle, versagende Notstromlösungen, fehlende Ersatzteile etc. können jederzeit und überall in Gang geraten. Auch in Deutschland.

Darum kann die Schlussfolgerung als Lehre aus Fukushima nur lauten: Raus aus dieser gefährlichen und völlig unberechenbaren Technologie! Es ist Populismus und Lobbyismus zu behaupten, dies sei nicht möglich oder nicht finanzierbar. Es muss nur gewollt und mit der gebotenen Vehemenz vorangetrieben werden. Nie ist des Menschen Erfindungsreichtum größer, als in der Krise. Und nicht nur die Regierung ist gefordert. Auch ein Herr Gabriel von der SPD springt zu kurz, wenn er jetzt, wie gestern im heute-journal, lediglich verlangt, die AKWs mit veralteter Technik müssten heruntergefahren werden. Konsequent ist nur ein vollständiger Ausstieg. Und das so schnell wie möglich.

Aber jeder von uns ist Teil des Ganzen. Wer den Atomausstieg fordert, sollte so konsequent sein und ihn auch selber vollziehen. Nicht mit den Pseudo-Ökostromtarifen der großen Stromkonzerne, die bestenfalls als Feigenblatt bezeichnet werden können. Ökostromanbieter, die nachweislich Energie aus regenerativen Quellen liefern, gibt es in Deutschland nur eine Handvoll. Zu diesem Thema gibt es eine Kampagne von 22 deutschen Umweltverbänden, die auf www.atomausstieg-selber-machen.de den privaten Weg aus der Atomenergie aufzeigen.

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