Versetzen Sie sich mal zurück in Ihre Schülerzeit und stellen Sie sich vor, Sie seien wieder zwölf Jahre alt. Falls Sie tatsächlich gerade zwölf Jahre alt sind, während Sie dies lesen, umso besser, dann brauchen Sie nicht so viel Phantasie einzusetzen. Und falls es schon zu lange her ist, um sich noch daran zu erinnern: das ist die Zeit, in der man ungefähr in die fünfte oder sechste Klasse geht, okay? Sind Sie soweit? Gut! Dann malen Sie sich folgende Szene aus:

Es ist Montagmorgen und eine Doppelstunde Mathematik steht ins Haus. Sie hatten am Wochenende mal wieder besseres zu tun, als Ihre Hausaufgaben zu erledigen und stehen mit leeren Händen da, als der Mathelehrer nach den Rechenaufgaben fragt. Doch, nein! Nicht mit ganz leeren Händen, denn Sie haben sich eine großartige Ausrede einfallen lassen! Eine ausgeklügelte Story mit einem Haufen an Argumenten. Eine ganz und gar überzeugende Geschichte. Und Sie haben Zeugen! Zeugen, die Ihnen ein hieb- und stichfestes Alibi verschaffen! Und Ihre Darstellung wird über jeden Zweifel erhaben sein …

Als der Mathepauker schließlich mit zweifelndem Augenaufschlag und leicht ironischem Lächeln in den Mundwinkeln vor Ihnen steht, den Arm voller Hausaufgabenhefte, und fragt: “Und, David? Bekomme ich heute von dir zur Abwechslung auch mal wieder etwas zu sehen?”, legen Sie im Brustton der Überzeugung los. “Also, das war so, Herr Miesmann, meine kleine Schwester und ihr Hund haben …”

An dieser Stelle unterbricht Herr Miesmann das erste Mal. “Mach’s kurz, David”, seufzt er und schaut mit verdrehten Augen zur Decke.

Sie setzen noch einmal neu an. “Ja, also meine kleine Schwester und ihr Hund haben …”

“Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit”, unterbricht Miesmann erneut und trommelt mit den Fingern der Linken ungeduldig einen Marsch auf dem Heftstapel in seinem Arm.

“Aber Sie werden nicht verstehen, wenn Sie nicht die ganze Geschichte …”, jammern Sie verzweifelt.

“Beschränk dich aufs Wesentliche und komm zum Punkt”, beharrt der unnachgiebige Pauker.

“Also da war dieser Hund … nein, es war die Sendung im Fernsehen, die mich abgelenkt … und meine Kumpels haben …”

“Kürzer”, bellt Miesmann.

Betreten starren Sie auf Ihre Hände, die auf dem Schulpult liegen und vorsorglich schon mal zum Gebet gefaltet sind. “Keine Lust gehabt”, gestehen Sie kleinlaut.

“Na bitte, geht doch”, sagt Herr Miesmann befriedigt und kritzelt mit seinem gefürchteten Rotstift eine Bemerkung in sein noch gefürchteteres Vormerkbüchlein.

Tja, so oder so ähnlich kann man sich den Versuch vorstellen, 640 (Norm)seiten einer verzweigten Story in drei Seiten zu pressen.

Monatelang habe ich getüftelt und gefeilt, Dialoge, Konflikte, Gags, Schauplätze, Handlungen und Nebenhandlungen ausgearbeitet und feingeschliffen. Und jetzt muss ich das alles vergessen, denn es geht darum, einem Lektor in einer Zusammenfassung von wenigen Seiten Argumente dafür zu liefern, warum er die Geschichte kaufen soll. Der Insider hat es längst erkannt und der Unbedarfte aufgrund der Überschrift dieses Artikels messerscharf darauf geschlossen: Richtig, die Rede ist vom Exposé.

Ein Exposé ist gleichsam ein Verkaufsprospekt, ähnlich, als würde man versuchen, eine Eigentumswohnung zu verkaufen. Ein grober Abriss über Konzeption und Struktur des Textes, eine Liste mit Kurzbiografien der Figuren und ein auf das Wesentliche reduzierter Überblick über die Handlung, das ist es, was bei einem Exposé gefragt ist. Es geht nicht darum, die Blumigkeit und Elegantheit des Textes in die Zusammenfassung zu transportieren, sondern darum, einen Überblick darüber zu geben, was tatsächlich passiert und sich dabei auf die Kernaussagen zu beschränken.

Nicht minder knifflig ist die Liste mit den Personen. Personenliste? Kein Problem, mag man denken. Aber es geht nicht nur um eine reine Aufzählung, sondern (zumindest bei den Hauptfiguren) auch um die Frage, was treibt die Figuren eigentlich an? Was ist ihre Motivation und wie entwickeln sie sich im Lauf der Geschichte? Jetzt zahlt es sich aus, wenn man vorher beim Konzept gründlich gearbeitet hat und von all den Figuren ohnehin schon ausführliche Biografien vorliegen. Die muss man dann “nur noch” komprimieren und schon …

Ist alles nur Lehrbuchwissen, ich weiß. Ich habe auch keine Ahnung, ob ich ein guter Exposéschreiber bin, aber eines weiß ich: Es ist verdammt schwierig. Wenn sich ein Projekt seinem Ende nähert, muss man sich jedoch irgendwann damit auseinandersetzen, denn ist das Exposé nicht gut, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Lektor überhaupt mit der Leseprobe befasst, gegen Null. Es lohnt sich also allemal, in das Exposé genauso viel Mühe und Fleiß zu stecken, wie in den Romantext.

Ach ja, apropos Leseprobe. Dazu wollte ich ja laut Überschrift auch noch was sagen. Ach, mache ich beim nächsten Mal. Sonst wird der Artikel wieder so lang. “Kürzer!”, würde Lehrer Miesmann sagen …

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