“Die Passmann ist hohl. Die hat nie was gelernt und kann nichts. Wieso äußert die sich überhaupt zu dem Thema? Die hat doch nichts zu sagen, die ist dumm, die weiß absolut nichts.” So und so ähnlich äußerte sich der Autor Jürgen Roth[1] in einem Gespräch, dass ich mit ihm am 22. März dieses Jahres in der Pause einer Lesung im Rahmenprogramm “Leipzig liest” der Leipziger Buchmesse 2019 über die Feministin, Moderatorin, Autorin und Satirikerin Sophie Passmann führte.

Bei besagter Lesung, deren Ohrenzeuge ich war, hatte Jürgen Roth in einem seiner Texte mächtig über Sophie Passmann vom Leder gezogen. Sein Zorn, oder vielmehr seine Häme richtete sich gegen Passmanns jüngst erschienenes Buch “Alte weiße Männer”, von dem er sich offenbar persönlich angegriffen und auf den Schlips getreten fühlt, und gegen ein Interview, das die Autorin dazu kürzlich der Leipziger Volkszeitung gegeben hat[2].

“Bsiher habe ich Jürgen Roths Texte nie als plump empfunden. Doch dieser Text war anders. Übergriffig, beleidigend, weinerlich …”

Ich habe Jürgen Roth an diesem Abend nicht zum ersten Mal bei einer Lesung gehört. Seine Texte habe ich dabei weder als plump noch polemisch in Erinnerung, doch dieser Text war anders. Handwerklich dünn, ungeschlacht, plump; inhaltlich unsachlich, übergriffig, beleidigend, weinerlich. Mir stieß der Text insbesondere seiner auf die Person Passmanns bezogenen unverhüllten Feindseligkeit ziemlich sauer auf, sodass ich es erwog, die Veranstaltung in der Pause zu verlassen. Die Freund*innen, mit denen ich dort war und das Gastgeberpaar, das ich von Lesungen der vergangenen Jahre kenne, bewog mich jedoch dazu zu bleiben und mit dem Autor über meinen Unmut zu reden. So kam es in der Küche des Veranstaltungsortes zum Gespräch zwischen mir und Herrn Roth, in dem er sich jedoch nicht etwa zurücknahm, sondern noch persönlicher nachlegte mit besagten “die ist doch dumm”-Tiraden.

Sophie Passmann hatte ich an demselben Nachmittag auf der Leipziger Buchmesse beim taz-Gespräch erlebt. Sie hatte dort im Gespräch mit Peter Unfried, Chefreporter der taz, eben jenes Buch “Alte weiße Männer” vorgestellt und sich nach meinem Empfinden als redegewandte und souveräne Stimme des modernen Feminismus präsentiert. Schlagfertig, fundiert und hellwach, egal, wie man inhaltlich zu ihren Statements stehen mag. Wie Jürgen Roth zu dem wenig differenzierten Urteil kommen kann, “die sei doch dumm”, mag sich mir nicht erschließen.

Ich betrachte mich selbst als Feminist, insofern sollte es nicht verwundern, dass ich mich thematisch tendenziell eher auf Seiten Frau Passmanns sehe, aber ich weiß durchaus auch den ein oder anderen Text von Jürgen Roth zu schätzen. Hätte er sich inhaltlich pointiert und scharfzüngig mit Passmanns Arbeit auseinandergesetzt, hätte ich vermutlich keinen Anstoß daran genommen. Hat er aber nicht.

“Was hat den abgeklärten Wortakrobaten Jürgen Roth, der durchaus in der Lage ist, feine Sätze zu schreiben, dazu gebracht, einen derart ungehobelten Text in dem beleidigten Tonfall eines abgekanzelten Jünglings abzusondern?”

Was war hier los? Was hatte den abgeklärten Wortakrobaten Jürgen Roth, der durchaus in der Lage ist, feine Sätze zu schreiben, dazu gebracht, einen derart ungehobelten Text in dem beleidigten Tonfall eines abgekanzelten Jünglings abzusondern, der gerade von seiner Flamme den Laufpass bekommen hat?

Wie ich später durch eine kurze Internetrecherche herausfand, gibt es zu Roths Text eine Vorgeschichte. So hatte Jürgen Roth seinen Text nicht erst für diese Lesung in Leipzig geschrieben, er war einige Tage zuvor in der überregionalen Tageszeitung “Junge Welt” erschienen[3], und er war offensichtlich die uninspirierte Retourkutsche auf einen Beitrag Passmanns in der Wochenzeitung “der Freitag”[4], in dem sie sich wenig zart aber inhaltlich fundiert mit Jürgen Roth und dessen ihrer Auffassung nach antiquierten Vorstellung von Humor, Satire und Parodie auseinandergesetzt hatte. Passmanns Text wiederum war eine Reaktion auf einen Abgesang auf die Kunstform der Satire in Deutschland gewesen, den Jürgen Roth 2018, ebenfalls in “der Freitag”[5] angestimmt hatte, anlässlich der Entlassung des Karikaturisten Dieter Hanitzsch bei der Süddeutschen Zeitung. Hanitzsch war bei der Süddeutschen wegen einer umstrittenen Karikatur in Ungnade gefallen.

Nun muss man weder die Entlassung Dieter Hanitzschs bei der Süddeutschen wegen einer missglückten Karikatur gut finden – auch ich finde die Maßnahme überzogen – noch muss man alles gut finden, was Sophie Passmann zum Thema Feminismus im Allgemeinen und alte weiße Männer im Besonderen äußert. Aber auch ohne die inhaltliche Bewertung der Standpunkte der Kontrahenten Passmann vs. Roth zu bewerten, vermag ich einen qualitativen Unterschied in der Art und Weise der Auseinandersetzung durchaus zu erkennen. Und eine Methode.

Es geht Roth nicht um die Auseinandersetzung mit dem Thema Humor und Satire, und schon gar nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Feminismus. Roth macht gar nicht erst den Versuch einer inhaltlichen Abrechnung mit Sophie Passmann. Nein, dessen ist sie nicht würdig. Stattdessen wird sie als Person selbst diskreditiert, ihre Kompetenz nicht nur infrage gestellt, sondern per se als nicht vorhanden behauptet und ihr das Recht abgesprochen, am Tisch der Diskursteilnehmer überhaupt Platz zu nehmen. Zusätzlich wird die Entwertung der Sache als solche betrieben, durch Ironisierung, Bagatellisierung, Marginalisierung. Nicht zuletzt werden auch die Plattformen mit denen Passmann arbeitet, Twitter, Facebook, Instagram, dergestalt abgewertet, dass sie als irrelevante und substanzlose “Plapperkanäle” des Internets verhöhnt werden.

Nein, hier ist ein Bewahrer am Werk. Sozusagen alter weißer Mann at work. Ich erlebe in Jürgen Roths zitierten Artikeln und meinem persönlichen Gespräch mit ihm die nicht gespielte Fassungslosigkeit eines Mannes, der sich als Künstler versteht, der seit Jahrzehnten Sätze zu Papier bringt, über die sich die Leute ganz selbstverständlich stets amüsiert haben, dessen Humor aber plötzlich durch eine junge Feministin infrage gestellt wird, und dem in seiner Not nicht viel mehr einfällt, als wütend zu knurren und um sich zu beißen, wie ein alternder Hofhund, der nicht einsehen mag, dass sein Gebell, mit dem er den Hof in der Vergangenheit zwar wenig originell aber immerhin erfolgreich bewacht hat, plötzlich nicht mehr gebraucht wird, seit der Bauer eine Alarmanlage hat.

Die sozialen Medien in ihrer ganzen sozialen Dimension dabei als Ansammlung von Plapperkanälen zu begreifen, als wären sie etwas, das wieder weggeht, wenn man sie nur lange genug ignoriert oder sich darüber lustig macht, ist ein weiterer Fehlschluss, den spätestens anlässlich der Europawahlen in diesem Jahr auch namhaftere Personen als Jürgen Roth auf die harte Tour lernen mussten. Es wird Jürgen Roth weder gelingen, Sophie Passmann wegzulästern, noch das Thema Feminismus oder die Plapperkanäle des Internets. Der Versuch zeugt für mich von der Hilflosigkeit sich unverstanden fühlender Dinosurier angesichts der Herausforderungen durch moderne Menschen, Frauen wie Männern, die nicht länger akzeptieren, dass Politiker*innen mit ihnen ausschließlich an Marktständen diskutieren wollen und dass Autor*innen Witze wie in den siebziger Jahren machen.

Und der Feminismus? Feminismus kann und darf nicht als etwas verstanden werden, dass sinnvolle Alternativen zulässt. Feminismus ist keine Modeerscheinung. Dem Feminismus, dem Eintreten für die Rechte der Frauen und deren praktischer Umsetzung, liegt eine ganz einfache Tatsache zugrunde: Frauen stellen die Hälfe der Weltbevölkerung. Sie haben dasselbe Recht wie die Männer auf Teilhabe an der Gesellschaft, Kultur, Medien, Zugang zu Gremien, Ämtern und Funktionen etc. Und ihnen gehört die Hälfte der Macht. Ihnen diese Rechte vorzuenthalten ist ein Akt männlicher Gewalt, den es zu beenden gilt. Punkt. Ende der Durchsage.

Love

Detlef Köhne

Fußnoten:

[1] Gemeint ist der Autor Jürgen Roth, nicht der 2017 verstorbene Publizist gleichen Namens

[2] Leipziger Volkszeitung vom 08.03.2019

[3] “Junge Welt” vom 11.03.2019

[4] “der Freitag”, Ausgabe 25/2018

[5] “der Freitag”, Ausgabe 23/2018

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